Akupunktur
Das Ganzheitliche der
klassischen Akupunktur

Erfahrungsbericht
von
Udo Lorenzen
Heilpraktiker
Befassen wir uns mit dem Prinzip der Ganzheitlichkeit in der
Medizin, dann suchen wir nach einer möglichst umfassenden Umsetzung für den kranken Menschen. Hier sticht die
chinesische Medizin aus der Vielfalt von Ideensystemen, die sich mit Gesundheit und Krankheit beschäftigen,
deutlich hervor.
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, dies wusste schon Aristoteles vor über 2300 Jahren. Diese
Erkenntnis blieb aber für die Entwicklung der westlichen Naturwissenschaften und damit auch der Medizin ohne
wirkliche Konsequenz:
-
die Schulmedizin: sie definiert Krankheit durch eine Ursache; diese
Ursache muss materiell nachweisbar sein (Virus, Bakterien, Verletzung,
Vergiftung etc.) und messbare Veränderungen im Körper bewirkt haben; erst dann kann sie wirksam
bekämpft und geheilt werden. Bei Krankheiten, wo dieser Nachweis fehlt, spricht man von
Disposition (d. h. anlagebedingt, vererbt), von vegetativen Fehlfunktionen (vegetativer Dystonie)
oder zweifelt schlimmstenfalls die Krankheit an und stempelt den Leidenden zum eingebildeten
Kranken.
-
die Psychosomatik: sieht Krankheit schon als mehrdimensionales
Geschehen; Krankheiten sind auch seelisch bedingt, wobei der psychische Anteil an der Erkrankung
nicht immer klar zu gewichten ist. Ursachen sind hier psychische Faktoren (nicht mehr nur
materielle), die notwendige Behandlung muss an der Psyche ansetzen. Psyche = griechisch „die Seele“, Psychologie = „Lehre von der Seele“, aber auch hier findet eine
Trennung von Körper und Seele statt: die Therapie verlagert sich auf die Psyche, eine notwendige
Psychotherapie ist oft sehr langwierig, für den Patienten meist nicht finanzierbar; häufig bleibt
der Patient mit dem Makel einer psychischen Störung alleingelassen. Er/sie fühlt sich schuldig,
unfähig das Leben zu meistern, häufig werden in so genannten kleinen Psychotherapien Werte und
Normen des Patienten durcheinander gewürfelt und ihm das Wertsystem des Therapeuten aufgedrückt,
besonders dann, wenn dieser nicht qualifiziert ist.
Kurz und gut: die westlichen naturwissenschaftlichen Denkmodelle, die sich mit dem
menschlichen Sein beschäftigen und Gesundheit und Krankheit definieren, betrachten nur eine (ihre) Seite als
die maßgebliche, und kommen so zu verschiedenen Behandlungsansätzen, die zu ihrer Durchführung diverse
Experten und Spezialisten braucht. Schlimmer noch: jeder Bereich für sich spezialisiert sich noch weiter. Die
Schulmedizin z. B. in innere Medizin, Gynäkologie, Neurologie, Augenheilkunde, HNO, Psychosomatik. Und noch
immer weitere Differenzierungen dieser Spezialisierung gibt es: für die innere Medizin gibt es Fachärzte für
Kardiologie, Nephrologie, Proktologie etc. Der Mensch erscheint zunehmend als Magen, Dickdarm und
Wirbelsäule.
Die Psychologie macht es ähnlich: Wir alle kennen den Psychoboom in den letzten 25 Jahren: der psychisch gestörte
Mensch hat die Qual der Wahl sich analytisch, mit Gestalttherapie, Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie,
Gruppentherapie, Familientherapie etc. etc. behandeln zu lassen.
Zusammenfassend ist die Beschreibung der menschlichen Wirklichkeit aus westlicher Sicht analytisch: d. h., sie
zerteilt, zerlegt den Menschen in viele Einzelteile, sie löst den Mensch aus dem ganzheitlichen Zusammenhang und
sieht selektiv nur einzelne Facetten des menschlichen Lebens! Der kranke Mensch hat viele Therapeuten, die als
Experten nur einen Teil des Patienten wahrnehmen und erkennen. Westliche Denkmodelle sind aufgebaut nach dem
Kausalitätsprinzip: die Voraussetzung für eine Therapie ist eine
Krankheitsursache, die den Symptomen zeitlich vorausgegangen sein muss.
Nun zur chinesischen Medizin : Das Menschenbild in der chinesischen Medizin geht von einem All-umfassenden
Ganzen aus; lapidar wird festgestellt: der Mensch steht zwischen Himmel und Erde und nimmt am kosmischen
Geschehen teil, wird davon beeinflusst und wirkt seinerseits zurück auf diesen Kosmos. Dieselben Gesetze, die
das große Weltall bestimmen, wirken auch im kleinen Weltall, dem Mikrokosmos (hier der Mensch). Die
chinesische Medizin basiert auf dem Verständnis dieser kosmologischen Betrachtung und wendet sie konsequent
auf den Menschen an.
Der Mensch ist ein biologisches System, das eingebettet ist in die rhythmischen Prozesse der Natur (Jahreszeiten,
Tag und Nacht – Wechsel, Gezeiten, Planetenbewegungen Biorhythmus). Gesundheit wird definiert als
Schwingungsfähigkeit mit diesen natürlichen Rhythmen.
Um seinen Rhythmus nicht zu verlieren, muss der Mensch sich diesen natürlichen Schwingungen anpassen und
mitschwingen können. Das allumfassende Ordnungsprinzip in der Natur nennen die Chinesen auch Dao (Tao). Dao ist das
Symbol für den spontanen Wandel des Weltalls, für den natürlichen Rhythmus zwischen Zeit und Raum, Yin und
Yang.
In der chinesischen Medizin bedeutet das: in Harmonie mit der Natur sein, die Bewegungstendenz jeder Situation
erfassen zu können und mitzuschwingen.
Das Dao ist die Ganzheit, die Einheit und Harmonie der Gegensätze. Dao manifestiert sich, (wird sichtbar) in der
menschlichen Welt als Polarität. Diese Polarität wird bei den Chinesen symbolisch mit den Begriffen Yin und Yang
dargestellt.
Yin und Yang bedeuteten ursprünglich die Schatten- und die Sonnenseite eines Hügels, also
sinnlich wahrnehmbare, räumliche Aspekte. Später wurden auch zeitliche Phänomene mit diesem Paar verbunden, z. B.
der Wechsel von Tag-Nacht, Sommer-Winter, Vollmond-Neumond, Ebbe-Flut, Leben-Tod.
Schließlich wurden Yin und Yang zu allgemeinen Emblemen jeglicher vorstellbarer Polarität. Jedes Ding, jedes
Phänomen, jede Situation hat 2 Seiten, die beide, sich bekämpfend und doch ergänzend, die Spannung des Lebens
erzeugen.
Yin und Yang verhalten sich nicht statisch, sondern dynamisch zueinander. Sie vermitteln Bewegungstendenzen und
damit Wandlung. Ebenso, wie auf jede Nacht ein neuer Tag folgt, jedes Leben schon seinen Tod impliziert, gehören
gleichfalls zusammen: wachsen-stillstehen; Bewegung-Ruhe; sich entfalten - sich zurückziehen; Leben-Tod;
Aktion-Reaktion; Feuer-Wasser; Sonne-Mond; geben-nehmen; Trennung-Bindung; männlich-weiblich; Energie-Materie;
Himmel-Erde; Zeit-Raum; Krieg-Frieden; Körper-Seele; Geist-Seele; Streit-Versöhnung usw.
Beide Seiten, Yin und Yang, gehören zusammen, brauchen sich für ihre eigene Existenz, bilden erst in ihrer
Vereinigung und Verwandlung ein Ganzes!! Beide Seiten müssen zu ihrem Recht kommen, müssen die Möglichkeit der
Darstellung haben und glänzen können!
Beide Seiten sind immer gegenwärtig, aber nur eine Seite kann sich momentan profilieren, um sich dann
zurückzuziehen und die andere Seite zu lassen, dies geschieht im spontanen Wechsel. Der ewige Wechsel zwischen Yin
und Yang erzeugt die Spannung des Lebens, das Zusammenspiel beider Aspekte bildet die Einheit und ein Ganzes. Jede
Fixierung auf einer Seite macht krank, lässt die andere Seite leiden und verkümmern.
Der Kern der chinesischen Lebensführung ist, in allem die goldene Mitte zu finden, ein harmonisches
Verhältnis zwischen Yin und Yang zu suchen. Wir im Westen sehen das genau andersherum: „nur" mittelmäßig zu sein ist langweilig, wir treiben uns zu Spitzenleistungen an
und wollen überall die Besten sein. Gelingt das nicht (was öfters vorkommt), verfallen wir ebenso leicht in
Lethargie und Depression. Übertriebenes Leistungsstreben betont das Yang zu stark; das Yin kommt nicht zum Zuge,
wird zu sehr konsumiert und wirft zuletzt den Rettungsanker: ich brauche Schonung, Ruhe, ich muss auch zu meinem
Recht kommen, damit es dir als Mensch gut geht! So stellt sich ein Herzinfarkt als extreme Form dar, das Yang zu
bremsen um das Yin zu bewahren und so das Leben zu retten!
Vermitteln Yin und Yang die Vorstellung einer Polarität, die allen Dingen und Wesen innewohnt, wird damit die
Wirklichkeit in Zwei geteilt. Die darin enthaltene Spannung wiederum lässt ein Drittes entstehen, eine Kraft, eine
Energie, die Bewegung und Lebendigkeit ermöglicht. Die Chinesen nennen diese Kraft Qi.
Qi ist ein Begriff, der überall dort verwendet wird, wo nicht materielle energetische Prozesse wirksam sind. Die
große Bedeutungsvielfalt von Qi zeigt sich in der chinesischen Literatur, wo Qi sowohl Dampf, Wolke, Atem, Geist,
Geruch, Wetter, Wut, Lebensenergie u.v.m. bedeutet. Das Schriftzeichen von Qi setzt sich aus Dampf und Reis kochen
zusammen, also der Dampf, der beim Essenkochen entsteht.
Bei der Darstellung von Qi ist immer die Idee von strömen, sich verbreiten und fließen vorhanden, etwas
Feinststoffliches, das in Bewegung ist. Die Chinesen sagen: Der Mensch lebt inmitten von Qi wie ein Fisch im
Wasser. Qi ist überall: im Kosmos, auf der Erde, im Menschen!
Qi belebt, erwärmt, ernährt, verwandelt. In der chinesischen Medizin bezeichnet Qi konkret die aktiven Prozesse im
Menschen, seine Lebensenergie, seine Vitalkraft. Qi ist der nichtstoffliche Anteil, der hinter allen materiell
sichtbaren Vorgängen steht. Jedes Organ, jedes Gewebe, jedes Sinnesorgan wird tätig (lebt) durch Qi.
Die Leitbahnen des Qi (auch Meridiane genannt) sind die Wege, auf denen es besonders konzentriert ist. Die
Meridiane sind die äußeren Verteilerwege für die inneren Organe, sie dienen den Organen dazu, ihre Einflüsse nach
außen verbreiten.
Jedes Organ hat seinen speziellen Meridian, es gibt 12 Hauptmeridiane, die innen und außen, oben – unten, links –
rechts verbinden. Sie formen so ein Netzwerk, das alle Gewebe und Organe zu einem Ganzen verknüpft. Auf diesen
Meridianen liegen, genau lokalisiert, Reizstellen (Qi-Höhlen) oder Punkte, über die auf das Qi und seine
Zirkulation Einfluss genommen werden kann. Das ist die Grundlage für eine Methode in der chinesischen Medizin, die
Akupunktur.
Die Zirkulation des Qi, unserer Lebensenergie durch das Meridiansystem folgt einem zeitlichen Rhythmus. Jedes Organ
ist über seinen Meridian für 2 Stunden besonders aktiv. Man spricht von einer biologischen Uhr, die entsprechend
eines 24 Stunden- Rhythmus tickt. Die Maximalzeiten, d. h. die Doppelstunden maximaler Aktivität sind für die
chinesische Medizin sehr wichtig. Treten bestimmte Symptome immer zu einer bestimmten Stunde auf oder werden sie
dann besser, lässt dies Rückschlüsse auf die gestörte Organfunktion zu, die mit der Zeit korreliert.
Z. B. Wachwerden nachts um 1-3 Uhr = Leber, Atemnot 3 – 5 Uhr = Lunge, kolikartige Schmerzen um Mitternacht =
Gallenblase.
Auch für die eigene Lebensführung lassen sich die Maximalzeiten nutzen:
Dickdarm = 5-7 Uhr: bei Verstopfung sollte man den Darm trainieren, um diese Zeit auf die Toilette zu gehen!
Magen = 7-9 Uhr: die wichtigste Mahlzeit ist das Frühstück!
Gallenblase = 23 - 1 Uhr: wichtige Entscheidungen trifft man im Schlaf!
Bei einer Langzeitmedikation lassen sich evt. Medikamente einsparen, wenn man die Einnahme auf die Maximalphase des
gestörten Organs beschränkt. 3x tgl. muss nicht immer sein! Die Reaktionsfähigkeit des gestörten Organs auf ein
Medikament ist in seiner Maximalzeit wesentlich höher.
Ein weiteres Denkmodell, das die zyklischen Bewegungen des Qi, der Lebensenergie, darstellt, ist das System der 5
Wandlungsphasen, chin. Wuxing. Wenn die Polarität von Yin und Yang das Leben als vielseitige Grauschattierung
beschreibt, machen die 5 Wandlungsphasen das Leben bunt.
Wuxing bedeutet: 5 Durchgänge, 5 Bewegungen; es werden also 5 Stadien oder fünf Wandlungstendenzen des Qi
damit beschrieben, die einem Zyklus folgen.
Alles Leben, alle Dinge werden geboren, wachsen, kommen zu und sterben. Dieser Wandel findet statt in der Natur, im
menschlichen Lebenszyklus, in Projekten, in der Arbeit, in allen Bereichen menschlichen Erlebens.
Man bezeichnet diesen Zyklus auch Hervorbringungszyklus, in dem eine Phase (Element) die Voraussetzung für das gute
Funktionieren der nächsten Phase ist. Den 5 Wandlungsphasen werden eine Vielzahl von entsprechenden Funktionen
zugeordnet, u.a. auch die wichtigsten Organfunktionen:
Die 5 Wandlungsphasen sind:
HOLZ: Phase der Geburt, des Entstehens und des Frühlings; im Mikrokosmos die Leber und Gallenblase.
FEUER: Phase des Blühens, der üppigen Fülle und des Sommers; im Mikrokosmos Herz und Dünndarm.
ERDE: Phase der Reife, Integration und des Spätsommers; im Mikrokosmos Mensch Milz (-Pankreas) und Magen
METALL: Phase der Ernte, des Verfalls und des Herbstes; im Mikrokosmos die Lunge und Dickdarm
WASSER: Phase des Sterbens, der Speicherung und des Winters; im Mikrokosmos die Niere und Blase
Die chinesische Medizin bezeichnet diese Beziehungen im Hervorbringungszyklus (Sheng-Zyklus) auch als Mutter
– Kind – Zyklus.
Ein guter Frühling ist die Voraussetzung für einen schönen Sommer, ein guter Plan ist die Voraussetzung für ein
schönes Haus, eine harmonische Kindheit bildet die Grundlage für eine selbstbewusste Persönlichkeit.
Diese Mutter-Kind-Beziehungen gelten analog zwischen bestimmten Organfunktionen: Ein Beispiel mag genügen: Die
Leber (Holz) ist die Mutter des Herzens (Feuer). Ist die Mutter schwach (oder zu selbstsüchtig, um abzugeben) wird
das Kind leiden und Symptome produzieren (z. B. Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Traurigkeit, Herzklopfen,
Bluthochdruck, Brustenge). Kommt nun der westliche Arzt und sieht das kranke Kind, sagt er: Na, mein Kleiner,
was fehlt dir denn? Und gibt ihm Vitaminpillen, Schlaftabletten und Herzmedikamente. Das Kind aber schreit: nein,
das mag ich nicht, siehst du denn nicht, dass meine Mutter krank ist? Ich krieg nicht genug zu futtern!!!
In diesem Fall muss aus der Sicht der chinesischen Medizin die kranke Mutter behandelt werden. Erst dann ist sie
wieder in der Lage, ihr Kind so zu versorgen wie es nötig ist; damit es wachsen und gedeihen kann. Das Kind braucht
nun nicht mehr zu schreien, (d. h. Symptome zu produzieren) und ist glücklich.
Alle Mütter können das gut verstehen! Wenn das Kind krank ist und schreit, liegt das oft an der schwachen Mutter.
Geht es der Mutter wieder gut, dann freut sich auch das Kind!
Fortsetzung siehe: Akupunktur Teil 2
Inhaltliche
Verantwortung und zur Kontaktaufnahme:
Ausbildungszentrum Nord Udo Lorenzen
Projensdorfer Straße 14
24106 Kiel
Telefon: 0431 - 33 03 01
Telefax: 0431 - 33 03 01
URL: www.ausbildungszentrum-nord.de
URL: www.zhenjiu.de
URL: www.abz-nord.de
Email: u.lorenzen@ki.comcity.de
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